Wohnen neben dem Schiessplatz
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St.Galler Tagblatt: 27. Juli 2010

Louise Zech geniesst den Blick auf die Demutstrasse und die Türme des Schützenhauses Weierweid.

Bild: Michel Canonica Die Schiessanlage Weiherweid ist 142 Jahre alt. Louise Zech-Späni hat 50 Jahre davon als Anwohnerin miterlebt. Den Lärm empfindet sie weniger stark als weiter entfernt wohnende Menschen. Die Antwort darauf weiss der Westwind. Fredi Kurth Die Frau, die lauthals über die Knallerei im Tal der Demut herzieht, gibt Louise Zech nicht her. Das war auch nicht zu erwarten. Denn sonst hätte sie es nicht ein halbes Jahrhundert lang unmittelbar vis-à-vis dem Schützenhaus in St. Georgen ausgehalten. Umso mehr kann sie erzählen.

Ja, am Anfang sei es schon noch lärmiger gewesen, sagt Louise Zech. Damals habe man auch am Sonntag fast den ganzen Tag geschossen. Nur während der Messe hätten die Gewehre geschwiegen. Heutzutage fänden noch ein- bis zweimal in der Woche Schiessanlässe statt. So genau kann es Louise Zech nicht sagen, weil sie den Lärm nach all den Jahren kaum mehr wahrnimmt – obwohl die Ohren noch gut hören. «Sie schiessen hier auch das Obligatorische», sagt sie. Die meisten kämen mit dem Auto von der Stadt hoch, um an der Demutstrasse diesen Teil der militärischen Pflicht zu erfüllen.

Ein wichtiges Schiesszentrum

Die Anlage gehört der Feldschützengesellschaft der Stadt St. Gallen. Vom Schützenhaus aus zielen die Teilnehmer Richtung Süden, Richtung Beckenhalde, wo im Sommerlicht und im Wiesengrün die Scheiben der 300-Meter-Anlage erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind. Mit der Pistole und dem Kleinkalibergewehr wird auf der 50-Meter-Anlage geschossen, mit Luftpistole und Luftgewehr noch 10 Meter weit. «Die Schiessanlage Weiherweid muss den Vergleich mit den wenigen grossen Anlagen der Schweiz (Albisgüetli, Thun etc.) nicht scheuen», heisst auf der Homepage der Feldschützen. Entsprechend hochwertig ist die Anlage mit elektronischer Anzeige und Infrastruktur versehen. Und stolz ist man, dass der ganze Komplex im Gegensatz zu den meisten Schiessanlagen in der Schweiz nicht auf kommunale Unterstützung angewiesen ist.

All das beschäftigt Louise Zech wenig. Am meisten schätzt sie die feine Küche des Restaurants im Schützenhaus.

«Zum Glück keine Wohnblöcke»

Louise Zech allerdings zweifelt, dass alle Anwohner ein derart unverkrampftes Verhältnis zu dieser typisch schweizerischen Institution haben. «Wer gleich daneben wohnt, wusste ja beim Einzug um die Immissionen und hat eher Verständnis», sagt sie. Eher Klagen seien aus der etwas entfernten neuen Überbauung an der Ringelbergstrasse zu hören oder auch sonst aus dem westlichen Dorfrand. «Dort ist der Schiesslärm lauter, weil der Wind den Knall genau in jene Richtung trägt.» Und der Wind bläst oft im Tal der Demut, meistens von Westen her. «Man nennt es auch Tal der heulenden Winde», sagt Louise Zech.

Häufiger als Gewehrkugeln hört Frau Zech den Aufprall von Tennisbällen. Der Tennisplatz liegt noch etwas näher als das Schützenhaus. Aber auch hier, wen erstaunt's, übt Louise Zech Nachsicht. Nein, als Protagonistin der IG Stiller würde sie sich nicht eignen. Und im Winter, wenn auf der Beckenhalde die Kinder den Skihang heruntersausen, freut sie sich an deren Anblick. «Schlimmer wäre gewesen, wenn Wohnblöcke entstanden wären. Denn wenn sie nicht schiessen, haben wir hier oben eine heilige Ruhe. » Louise Zech-Späni ist Besitzerin eines viergeschossigen Wohnhauses an der Demutstrasse, nachdem ihr Mann vergangenes Jahr verstorben ist. Ihn lernte sie 1957 kennen, als sie im ehemaligen «Enzian» im Dorf vorne servierte.

Glätterei und Wäscherei

Aufgewachsen ist sie im schwyzerischen Feusisberg oberhalb des Zürichsees, und ihr Dialekt verrät immer noch die Innerschweizer Herkunft. 1960 hat sie Max Zech geheiratet, in Feusisberg, «um so von meiner Heimat Abschied zu nehmen». Im Untergeschoss betrieb Max Zech eine Glätterei und Wäscherei, und Louise Zech half tatkräftig mit und erzog gleichzeitig drei Söhne. So sei sie nun eben hier oben hängengeblieben, sagt sie und lacht herzhaft. 50 Jahre lang. Trotz der Schiessanlage. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier», sagt sie.

Hier noch ein kurzer Bericht zur Geschichte und der Zukunft des 160 jährigen Schützenvereins > 


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